Wetterfühlige Bahn

Veröffentlicht am 20.03.2010 in Kommentare

Die Bahn ist immer eine Reise wert. Selbst dann, wenn die Züge gar nicht fahren. Unser Redakteur beschreibt seine ganz persönlichen winterlichen Erfahrungen mit der Bahn und hat dabei – dank des stundenlangen Wartens auf verschiedenen Bahnhöfen – mögliche Ursachen ausgemacht.

von Christian Weinert

Was war das nicht für ein Winter. Wochenlang eine Schneedecke, wochenlang Temperaturen im leichten Minusbereich, wochenlang wenig Sonne. Der Winter 2009/2010 ein Zeichen des nahenden Klimawandels? Eigentlich war dieser Winter nur das, wofür wir Klassiker wie ‚Drei Haselnüsse für Aschenbrödel‘ so mögen. Eben jene kalte und doch anreizende Winterlandschaft. Klimaskeptiker rufen bereits die Mär vom Klimawandel aus – und haben ihre Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht.

Unfreiwillig mutiert der Konzern zum tragenden Beweis für den fortschreitenden Klimawandel. Wenn im Sommer die Bordtechnik wegen der sommerlichen Temperaturen ausfällt oder im Herbst streckenweite Verspätungen und Zugausfälle wegen – so die unvergessene Lautsprecheransage – des „unvorhergesehenen Herbsteinfalls“ den Bahnverkehr lahm legen, ist jedem klar: der Klimawandel ist allgegenwärtig und richtet sich nimmer satt gegen die Bahn.

Selbstredend auch im Winter, etwa in Form von „Weichenstörungen“, die bereits dann eintreten, wenn das Thermometer zwischen null Grad oder leichtem Frost zu entscheiden hat. Vollends den winterlichen Ungnaden ausgeliefert ist die Bahn spätestens dann, wenn das Nass in Form von Schnee auf den irdischen Boden trifft. Dann befahren nämlich nur noch sehr wenige Züge die so störanfälligen Weichen.

Frühmorgendliche Winterlandschaft genießen am Bahnsteig gehört dann zum besonderen Service, weil der ersehnte Pendlerzug gar nicht erst bereitgestellt wird und eine Information selbstverständlich ausbleibt. Dass derselbe Zug nahezu eine gesamte Woche nicht verkehrt, wird zum Normalzustand. Gekrönt – und wirklich Comedy-tauglich – wird dieser Umstand dann am ServicePoint der Bahn. Dort teilen völlig im Hilflosen zurückgelassene Bahnmitarbeiter mit, der Zug habe doch pünktlich den Bahnhof verlassen und sei gerade in Landsberg eingefahren, obwohl rund 30 Reisende beim Leben ihrer Schwiegermutter beschwören, kein Zug habe das Gleis verlassen – weil nicht mal einer bereitgestellt wurde. Dass der nächste Zug in deutlich reduzierter Wagengarnitur fährt und das Kuscheln zum Zwang wird, gehört zum besonderen Service der Bahn.

Das in der Folgewoche in jenem Zug verteilte Frühstückspaket, gehalten im Charme des Lunchpakets einer Jugendherberge, ist zwar eine lieb gemeinte Geste, wird aber nur wirklich krisenfesten Chefs am Zielort ein Lachen über die Lippen treiben. Weinen und Lachen liegen bei der Bahn eben nah beieinander.

Die Irritationen am heimischen Bahnhof lassen nachfühlen, was täglich Bahnreisende zu erleben haben, denen wir aus der Ferne leicht amüsiert unser Mitleid zuteil werden lassen. Von einem regelmäßigen Fahrplan bei der Berliner S-Bahn haben sich mittlerweile alle Berliner verabschiedet, nachdem Wartungsintervalle nicht eingehalten wurden, Züge Bremsprobleme ungeklärten Ursprungs hatten und aus ebenso unbekannten Gründen entgleisten. Der Verkehr ist heute noch stark eingeschränkt.

Die ICE-Linie Hamburg-Berlin-München wurde zeitweilig im reduzierten Ersatzverkehr gefahren, weil Schnee durch die Lüftungsschlitze kroch und die Technik pünktlich zu Weihnachten lahm legte. Beim HarzExpress zwischen Halle und Hannover fahren die Züge wegen ungeklärter Mängel vorerst ohne Neigetechnik, dafür aber mit erheblichen Verspätungen. Einen Anschlusszug im Harz durfte man nicht mehr erreichen wollen.
Das Problem ist dabei klar: Eine jahrelang auf Rendite getrimmte Bahn verträgt sich nicht mit den Grundbedürfnissen eines Reisenden. Nämlich möglichst pünktlich von A nach B zu gelangen.

Der Bahn werden dabei zwei hausgemachte Probleme zum Nachteil. Offensichtlich kann sie die Lieferanten ihrer Züge nicht ausreichend in die Haftung nehmen, die unzureichende Technik liefern. Für das weitere Hauptproblem sorgt die Bahn aber selbst. Die erheblich reduzierten Service- und Wartungseinheiten können nun die Schäden an den Zugeinheiten nur mit starken zeitlichen Verzögerungen beheben. Dann stauen sich eben vor den Wartungshallen wochenlang bunt zusammengewürfelte Zugwagen, deren Anblick zwar ein Genuss für ausgeprägte Bahnliebhaber ist, allerdings jene in tiefe Zweifel treibt, die jeden Tag den Mut aufbringen, der Bahn erneut eine Chance geben zu wollen.

Die Verlängerung der Wartungsintervalle infolge des Rückbaus der Wartungseinrichtungen gereicht zum imageschädigenden Nachteil für den Konzern. Denn diese Probleme existieren nicht nur bei der Berliner S-Bahn, sondern auch in anderen Regionen dieser Republik.

Die Chance, entmutigte Autopendler bei schmierigen Straßen auf die Schiene zu locken, hat die Bahn gründlich versaut. Auch so lässt sich keine Rendite erreichen. Dieser Winter hat eines gezeigt: Die Bahn muss zuerst ihr Gebot der Daseinsvorsorge erfüllen. Das heißt, Menschen in Zügen zu bewegen – und das verträgt sich eben nicht mit den Interessen privater Investoren und Spekulanten an der Börse.

Es verbleibt somit die dringende Hoffnung auf die Erkenntnis der Bahnspitze, dass Wartungstechniker von erheblichem Vorteil sein können. Viel Zeit hat die Bahn dafür nicht, denn der vierte Feind der Bahn ist bereits unterwegs. Es bleibt abzuwarten, ob der nahende Frühling mit seinen Unwägbarkeiten wie blühenden Tulpen, treibenden Knospen an Bäumen und Temperaturen im Plusbereich nicht erneut durch die Lüftungsschlitze der Züge den Kampf mit der Bahn aufnimmt.

 

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