„Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen! Ich sage Ihnen Prost.“

Veröffentlicht am 29.11.2009 in Vermischtes

Am 19. Januar 2010 wird sich der Todestag von Herbert Wehner zum 20. Mal jähren. Ist es undifferenzierte Heldenverehrung, wenn man da den Blick zurück wendet, ins 20. Jahrhundert, in dessen zweiter Hälfte der geborene Dresdner Wehner die Geschicke bundesdeutscher Politik so nachhaltig prägte?

von Andrej Stephan, Historiker

Zunächst ist zu bemerken, dass Wehners Leben bis 1945 alles andere als geradlinig gewesen ist. Sein Exil als Funktionär der KPD, der mutmaßliche Verrat an Weggefährten im Moskauer Terror und die Haft in Schweden – all dies ist häufig skandalisiert worden, inzwischen aber in fast allen Details durch die vorzügliche Biographie Christoph Mayers wissenschaftlich bewertet worden.

Wenn heute über die Qualität von Berufspolitikern gesprochen wird, fallen Namen wie Wehner, Strauß und Schmidt häufig dann, um den vermeintlich blassen Akteuren der Gegenwart ihre leuchtenden Gegenstücke vergangener Jahre vorzuhalten. Und tatsächlich: Der Ton, der die Politik heute prägt, ist weit weniger rau und polemisch geworden und auch längst nicht mehr so ideologiebehaftet. Und gewiss fehlt Wehner, mit 78 Ordnungsrufen als Rüpel des westdeutschen Parlamentarismus bekannt, ab und an zur Auflockerung allzu trockener Debatten. All diese Plakative verdecken aber vier wesentliche Leistungen, welche die Sozialdemokratie dem kantigen Sachsen verdankt.

Erstens seinen federführenden Beitrag gegen viele Widerstände zum Godesberger Programm, das die SPD erst zur Volkspartei werden ließ, sie aus dem 30-Prozent-Turm befreite und alle Avancen zum Klassenkampf überwand; zweitens seine Rolle beim Zustandekommen der Großen Koalition 1966, welche die Regierungsteilhabe nach 17 Jahren bitterer Opposition ermöglichte. Drittens – als wichtige Klammer zwischen Godesberg und der Regierung Kiesinger-Brandt – Herbert Wehners weithin berühmte Bundestagsrede am 30. Juni 1960, die als erstes Bekenntnis der SPD zur Bundesrepublik einschließlich der damit verbundenen Realitäten wie Westbindung und Verteidigungsbeitrag hoch geschätzt worden ist. Und schließlich verdankt die SPD Wehner die AfA, deren Gründung er zunächst zur Verwirrung vieler in einer Partei anregte, die wie keine zweite traditionell mit Arbeitnehmerfragen verbunden werden musste; dass Wehner mit der AfA aber als Angebot auf Arbeitsgemeinschaftsebene ein Gegenstück zu den seit 1969 linksgewendeten und sich mehr und mehr akademisierenden Jusos anregen wollte, ist ungeachtet der aktuellen Ausrichtung beider AGs auf Bundesebene einmal mehr Beweis für seine Weitsicht.

Herbert Wehner sollte in der Rückschau nicht einseitig als Zuchtmeister, Kärrner, Onkel oder ähnliches verklärt werden. Diese Begriffe mögen über seine Charaktereigenschaften Auskunft geben, nicht aber über den vielschichtigen Einfluss, den Wehner über sechzig Jahre auf die Geschicke der Arbeiterbewegung, insbesondere aber auf die SPD in Regierungsverantwortung, ausübte.

 

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