Seniorenstadtteile in Halle?

Veröffentlicht am 20.03.2010 in Kommunalpolitik

Der Anteil der Hallenserinnen und Hallenser, die 65 Jahre und älter sind, wird in den nächsten Jahren erwartungsgemäß steigen. Diese Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen für die Politik des nächsten Jahrzehnts in unserer Stadt. Der Ruf nach Seniorenstadtteilen, der auf den ersten Blick plausibel erscheint, greift jedoch zu kurz.

von Johannes Krause, Fraktionsvorsitzender

Es war nur ein Halbsatz von Prof. Dr. Reinhold Sackmann in der Sitzung des Präventionsrats am 19. Januar. Während einer Diskussion zu den Wünschen älterer Hallenserinnen und Hallenser an die Stadt, schlug er vor, darüber nachzudenken, ob die Schaffung eines speziell auf die Bedürfnisse von Senioren abgestellten Umfelds in einem Stadtteil modellhaft realisiert werden könnte.

Die Presse nahm das Thema mehr als bereitwillig auf und – wie nicht anders zu erwarten – gingen die Meinungen schnell auseinander. Der Seniorenrat der Stadt begrüßte die Idee. Anderen sprachen schnell von „Ghetto“. Sogar das Modell US-amerikanischer Rentnerstädte fand Erwähnung.

Schaut man auf den Altersdurchschnitt der Hallenserinnen und Hallenser nimmt es nicht Wunder, dass das Thema so breit diskutiert wurde. In Halle leben derzeit mehr als 50.000 Menschen die 65 Jahre alt und älter sind. Das sind knapp 22 Prozent der halleschen Gesamtbevölkerung. Der zahlenmäßig stärkste Altersjahrgang dieser Gruppe, der Geburtsjahrgang 1941, wurde 2008 mit 3.861 Personen gezählt. Der Geburtsjahrgang 2001 zählt hingegen nur 1.685 Köpfe. Für die kommenden Jahre erwarten die Statistiker einen Anstieg des Anteils der über 65jährigen auf mehr als 25 %. Die Lebenslagen, Wünsche und Bedürfnisse älterer Menschen sind ein großes Thema unserer Kommunalpolitik und das zu Recht.

Es geht um bauliche Verbesserungen wie den Zustand der Fußwege, die Barrierefreiheit der Übergänge oder das Vorhandensein von Sitzgelegenheiten. In vielen Teilen unserer Stadt ist die entsprechende Infrastruktur nicht ausreichend vorhanden oder in dramatisch schlechtem Zustand. Hier ist Prof. Sackmanns Feststellung, dass die Investitionskraft der Kommune für eine durchgreifende Verbesserung im gesamten Stadtgebiet bei Weitem nicht ausreicht, vollkommen richtig.
Zu einem seniorenfreundlichen Umfeld gehört aber noch mehr. Die Nähe zu Arztpraxen und Apotheken, die Dichte des Einzelhandels, die Erreichbarkeit von Straßenbahn und Bus müssen stimmen. Viele Ältere wünschen sich ein ruhiges, grünes Wohnumfeld. Kneipen oder Spielplätze spielen für sie weniger eine Rolle, Stellplätze schon. Ältere Menschen schauen beim Umzug oft sehr genau darauf, ob die Wohnung per Aufzug und der Hauseingang mit dem Auto erreichbar sind. In vielen Wohngebieten wie der Altstadt, dem Paulus- oder dem Mühlwegviertel ist das nicht gegeben.

Die Einzelhandels- und Dienstleitungsstruktur, die zu einem von Senioren akzeptierten Viertel gehört und die entsprechenden Bedingungen in den Häusern und Wohnungen kann die Stadt nicht selbst schaffen. Hier kann sie einen planerischen Rahmen setzen und in begrenztem Umfang Sanierungen und Umbauten fördern. Auch wenn die Mittel für Investitionen im öffentlichen Raum für ein Modellprojekt, wie Herr Prof. Sackmann es vorschlägt, zur Verfügung stünden. Hier käme ein solches Projekt an seine Grenzen.

Sein Vorschlag ist aber vor allem aus einem anderen, viel wichtigeren Grund letzten Endes nicht zielführend. Die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohner einer Stadt sind im Einzelnen vielfältig und folgen nicht allein zweckrationalen Überlegungen. Das gilt auch für Senioren. Ein Blick auf die Anteile Älterer in einzelnen Stadtgebieten belegt das. Halle-Neustadt, Trotha, der Landrain, die Silberhöhe und die Frohe Zukunft unterscheiden sich vielerlei Hinsicht. Keines dieser Gebiete wurde explizit als Seniorenstadtteil geplant oder entwickelt. Die meisten der über 65jährigen, die heute dort leben, sind nicht im höheren Alter zugezogen, sondern leben dort seit Jahrzehnten. Sie sind geblieben, weil sie ihr vertrautes Umfeld und die Nachbarschaft nicht missen möchten. Die jungen Väter und Mütter, die in Büschdorf, Wörmlitz oder Dölau in den letzten Jahren Wohneigentum erworben haben, wollen in ihren Häusern alt werden und werden das, wenn ihr Lebenslauf das zulässt, auch tun.

Junge Hallenserinnen und Hallenser, die im Paulusviertel ihre Traumwohnung gefunden und sich eingerichtet haben, werden erwarten, dass ihr Wohnumfeld ihnen erlaubt, auch im Alter dort zu leben. Im Jahr 2040 werden viele Viertel, die heute einen hohen Anteil älterer Bewohner aufweisen sich durchgreifend erneuert haben, andere werden in der Statistik an die Spitze rücken.

Ein seniorengerechtes Viertel könnte ein guter Anfang sein. Dort wo jetzt schon viele ältere Menschen leben, ist die Stadt in der Pflicht für Barrierefreiheit zu sorgen. Als Vorbild für andere Stadtgebiete kann ein entsprechendes Projekt in einem Stadtteil aber nicht funktionieren. Die Stadt muss das ihre tun, um überall im Stadtgebiet der wachsenden Zahl von Senioren Bewegungsfreiheit, Sicherheit und Versorgung bieten zu können. Wohnungsgesellschaften und Hauseigentümer tun dies vielfach jetzt schon.

 

Homepage SPD-Stadtverband Halle (Saale)

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