Sachkompetenz nutzen - Interview mit Barbara Höckmann, Vorsitzende der AWO Halle-Merseburg

Veröffentlicht am 16.06.2011 in Soziales

Barbara Höckmann, SPD-Mitglied, ist seit Oktober 2010 Vorsitzende des Regionalverbandes der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Halle-Merseburg. Ein Gespräch über die Bedeutung des Ehrenamts, die Lernfähigkeit der SPD und die Spendenbereitschaft der Hallenser. Liebe Barbara, seit wann engagierst Du Dich bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO)? Ich hatte schon seit Kindestagen mit der AWO zu tun, weil meine Eltern Mitglieder waren. Hier in Halle bin ich dann 2000 eingetreten. Und dann bin ich sofort Vorsitzende im Ortsverein Nord geworden. Begonnen habe wir dort mit einer relativ kleinen Gruppe aktiver Mitglieder. Inzwischen sind wir stark gewachsen und sehr aktiv. Ganz viele Projekte haben sich aus unseren Ideen entwickelt. Zu einer Sitzung sind wir mittlerweile 25 bis 30 Leute.

Im Vergleich zur SPD: Wie sieht die Ortsvereinsarbeit aus? Die Arbeit der Ortsvereine hat sich über die Jahrzehnte sehr stark geändert. Früher waren die Ortsvereine tatsächlich die Zellen, von denen viele Initiativen ausgegangen sind. Je mehr sich Sozialarbeit professionalisiert hat, desto weniger Aufgaben sind bei den Ortsvereinen verblieben. Von daher ist es so, dass sich die Ortsvereine im Westen auf die Betreuung von Senioren und die Unterbreitung von Reiseangeboten zurückgezogen haben. Das war mal ganz anders. Im Osten war es noch schwieriger. Von der Neugründung an hat sich die AWO vor allem als Unternehmen etabliert. Die Ortsvereinsarbeit ist dabei auf der Strecke geblieben. Erst ganz langsam treibt nun auch hier die ehrenamtliche Ortsvereinsarbeit neue Blüten. Inwieweit ist die zahlenmäßig geringe Mitgliedschaft der Angestellten der AWO ein Grund für die benannten Probleme? Im Osten wie im Westen ist das ein Umstand, den man feststellen muss. Man lernt die AWO anders kennen und kann das, was die sie darstellt, anders leben, wenn man neben dem Beruf auch das Interesse daran hat, sich ehrenamtlich einzubringen. Ein Ziel von uns sollte es in den nächsten Jahren sein, hier mehr Bewusstsein für die Prinzipien der AWO zu schaffen. Das geht nicht von allein. Immer wieder unternimmt der OV Halle-West mit der AG60plus der SPD gemeinsame Anstrengungen. Sollte es mehr Zusammenarbeit auf solchen Wegen geben? Ich fände es gut, wenn die SPD präsenter wäre und man sich viel stärker politisch positionieren und austauschen würde. Soll das gelingen, müssen Informationen stärker und besser transportiert werden. Das kann im Hinblick auf Jugend- oder Seniorenpolitik, wenn es nach mir geht, viel öfter passieren. Nutzt die SPD die AWO zu wenig als ‚Frühwarnsystem‘, wenn es um die Auswirkungen politischer Entscheidungen geht? Ich würde mir wünschen, dass man unsere Sachkompetenz stärker nutzt, indem man nachfragt, nach dem, was gerade akut zu werden droht und auf den ‚Nägeln brennt‘. Es ist ganz einfach so, dass unsere Mitarbeiter ganz konkrete Erfahrungen im Alltag sammeln. Deshalb würde ich es nur begrüßen, wenn sich Politik an die Fachbasis begeben würde. Dabei geht es nicht darum, nur zu zuhören, sondern dass man gemeinsam diskutiert. Dabei geht es dann gewiss nicht darum, alles, was wir wollen, umzusetzen. Aber es geht darum, mehr praxisbezogene Entscheidungen zu treffen. Welches Bild der deutschen Gesellschaft ergibt sich aus Deinen Erfahrungen in Halle? (denkt lange nach) Also, es geht in keiner Weise darum, nur Politik zu kritisieren, sondern auch sich selbst. Deshalb will ich die Frage eher mit Selbstkritik verbinden. In der Vergangenheit und auch in der Gegenwart bringen wir uns als AWO auf sozialpolitischer Ebene zu wenig ein. Das muss besser werden. Wenn wir das, was wir erleben, kommunizieren und daraus Forderungen entwickeln und ableiten, ist das der richtige Weg. Das heißt schlichtweg: Mehr in die Offensive zu gehen und damit das Bild der Gesellschaft zu beeinflussen. Ganz konkret auf „Hartz IV“ angewendet: Was waren hierbei die Fehler der AWO? Es ist meistens so, dass wir solchen Entscheidungen immer etwas hinterher laufen. Auf Bundesebene passiert da mittlerweile Einiges. Die Frage ist dabei auch, wie uns Politik wahrnimmt. Wenn ich mir die Gutachten zur letzten Änderungen der „Hartz IV“-Regelsätze anschaue, die die Wohlfahrtsverbände heraus gegeben haben, so komme ich zu dem Urteil, dass die Schlussfolgerungen des Gutachtens gut durchdacht und die Dinge klar bewertet werden. Leider hat das kaum jemand zur Kenntnis genommen, geschweige denn, dass die Anregungen in die Neufassung eingeflossen sind. Die Bundesregierung ist da sehr resistent… …hängt das nur an der Bundesregierung? Wie würde wohl eine SPD-geführte Regierung handeln? Ja, das hängt an der jetzigen Bundesregierung. Zu Zeiten der SPD-Regierung als „Hartz IV“ in Kraft getreten ist, war das im Vorfeld aber nicht anders. (lacht) Wie groß ist Deine Hoffnung, dass die SPD aus den Erfahrungen von damals gelernt hat? Unbestritten hat die SPD dazugelernt. Rückblickend kann man sagen, dass man sich über Vieles nicht klar war. Ich hoffe, dass man sich in Zukunft an die Erfahrungen erinnert, wenn man im Bund wieder die Regierung führt. Eine Beobachtung des vergangenen Vermittlungsausschusses ist, dass sich die Akteure viel zu sehr auf den Nebenkriegsschauplätzen aufgehalten haben. Ob nun fünf oder acht Euro, das war das, was in die Öffentlichkeit gelangte. Darüber hinaus wurden die Inhalte öffentlich nicht wirklich verhandelt oder diskutiert. Dass man verfahrensrechtlich extremste Verschärfungen eingeführt hat und die Leute in ihren Rechten beschnitten hat, sich zu verwehren, etwa beim Überprüfungsantrag. Das war in der öffentlichen Diskussion nicht präsent. Es hat sich leider nur auf Geldbeträge reduziert. Das Ergebnis nach dreimonatiger Diskussion im Vermittlungsausschuss ist enttäuschend. Zumal man noch gar nicht weiß, in welchen Strukturen das Bildungspaket umgesetzt werden soll… … das war also – wie die Grünen meinten, ein „Kuhhandel“? Mehr oder weniger, ja. Aber dass der Bund demnächst bei den Beiträgen zur Grundsicherung im Alter seinen Teil beiträgt, ist für die Kommunen von einer immensen Bedeutung. Das ist ganz sicher ein Erfolg. Welche prekäre Lage entsteht für die AWO, wenn die Kommune immer wieder in Zahlungsrückstände gerät? Je kleiner der Verband, desto prekärer wird es. Als gemeinnützige Organisation dürfen wir kaum Rücklagen bilden. Auf der anderen Seite wird von uns erwartet, für einen relativen langen Zeitraum etwas in der Hinterhand zu haben. Darauf müssen wir in solchen Fällen dann zurückgreifen. Investieren müssen wir aber auch in unsere Einrichtungen und die Angebote, damit diese Bestand haben. Die Mitarbeiter haben ganz klar das Anrecht darauf, pünktlich ihr Geld zu erhalten. Wir können denen nicht sagen: „Wartet mal noch einen Monat!“ Wenn dann doch eine solche Situation entsteht, haben unsere Geschäftsführer echte Probleme. Deshalb gilt es bei Investitionen immer, solche Gefahren miteinzubeziehen. Inwieweit spielen derzeit Überlegungen eine Rolle, eigene Angebote zu optimieren und wenn möglich zusammenzulegen? Generell gilt: Es wird keine Unabhängigkeit von öffentlicher Förderung geben. Auch wenn wir versuchen, Spenden von Unternehmen zu erhalten. Das kann nur ein Zubrot für Projekte sein, mehr nicht. Auf der anderen Seite müssen wir immer wieder unsere Angebotsstrukturen überprüfen. Also muss man sich die Frage stellen: Gibt es Synergieeffekte, kann das Angebot maximiert werden? Wichtig dabei ist aber, dass die Synergieleistung tatsächlich das Leistungsangebot verbessert und man damit eine höhere Erfolgsquote erreicht. Auf welche Situation stellt Ihr Euch in 2011 ein? Je prekärer die kommunale Situation, desto mehr müssen wir schauen, welche Angebote haltbar sind. Je nachdem, wie die Landtagswahl ausgeht, ist damit zu rechnen, dass sich im Kita- und Beratungsbereich Etwas bewegen wird. Die Thalia-Diskussion hat die Gemüter in Halle erhitzt. Was geht denkst Du hierzu auch unter Berücksichtigung des Mobilisierungspotentials, das die Anhänger des Thalia erreicht haben? Gegeneinander dürfen Kultur- und Sozialpolitik nicht ausgespielt werden. Kultur ist sicher ein wichtiger, wenn auch weicher, Standortfaktor und demnach von Bedeutung. Für die schönen Künste kann man viel eher die Leute motivieren, auf die Straße zu gehen als mit Sozialpolitik. Wobei ich denke, dass man das hinbekommen könnte, würde man es nur mal angehen. Wo ich aber schon ein Problem sehe ist, ob wir wirklich so viel Geld in die Förderung von Elitekultur stecken müssen, die nicht adäquat genutzt wird. Wenn unsere Altenheime nicht ausgelastet sind, dann können wir es nicht halten. Diesen Anspruch sollte man auch an jede Oper und jede Kultureinrichtung stellen. Inwieweit kann ehrenamtliche Kreativität den Mangel an finanzieller Unterstützung kompensieren? Ehrenamt ist in der Tat wichtig, auch weil damit die Demokratie gestärkt wird. Ehrenamt kann aber immer nur ein zusätzlicher Part sein, der keine Sozialleistung ersetzen kann. Wenn wir etwas machen wie die „Aktion Zuckertüte“ machen, dann ist das ein Hinweis auf eine Fehlentwicklung. Aber ich kann nicht warten bis die Politik das verstanden hat, sondern wir springen dann in die Presche, weil die Kinder heute und nicht morgen ihr Schulbuch brauchen. Wir machen das mit der Forderung, dass das bald geregelt werden muss. Wenn das gelungen ist, suchen wir uns was Neues. Da gibt es genügend Ideen. Welche Erfahrungen konntet Ihr aus der „Aktion Zuckertüte“ und „Aktion Sterntaler“ über die Jahre gewinnen? Na ja, das kann jetzt nur sehr subjektiv sein. Ich habe das Gefühl, dass sich die Spendenbereitschaft positiv verändert hat. Vor einigen Jahren hatten wir eine sehr intensive Neiddebatte, deren Auswirkungen auch wir an den Ständen gespürt haben. In den letzten beiden Jahren habe ich wenige Angriffe an den Ständen auf uns erlebt. Eine Beobachtung über Jahre ist, dass diejenigen, denen es weniger gut geht, eher Etwas geben als die, denen es gut geht. Wichtig für Viele ist, dass die Spende zu 100 Prozent dem Zweck zu Gute kommt und vor Ort geholfen wird. Das ist bei uns der Fall. Wie reagieren die Eltern der Kinder, denen die Spenden zu Gute kommen auf Eure Aktionen? Da leisten die Mitarbeiter in den Einrichtungen eine tolle Arbeit. Man muss Jedem seine Würde und seinen Stolz lassen. Die Eltern sind unglaublich froh das zu bekommen. Aber als Almosen darf die Aktion niemals rüberkommen. Die Übergabe und die Präsentation muss so von statten gehen, dass man sich drüber freuen kann, ohne auf seine soziale Notlage hingewiesen zu werden. Beschreibungen wie „sozial schwach“, die schon mal in der Zeitung auftauchen, sind eine Katastrophe. Man sollte da eher von sozialer Benachteiligung reden. Die Presseleute rufen bei uns dreimal die Woche an und wollen Leute, die bei uns Angebote wahrnehmen, präsentieren. Da verwehre ich mich gegen, denn Halle ist ein Dorf, jeder kennt jeden. Ich erkläre denen dann immer, dass ich ihnen gerne was erzähle, von den Problemen der Leute und so weiter. Die Betroffenen dürfen aber nicht vorgeführt werden. Liebe Barbara, wir danken Dir für das Gespräch!

 

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