Mehr Schein als Sein - Ein Kommentar zum Abtritt von Christian Wulff

Veröffentlicht am 21.02.2012 in Kommentare

Wer die Rücktrittserklärung des Bundespräsidenten Christian Wulff verfolgte, konnte ein Lehrstück für die Inszenierung eines politischen Testaments erleben. Wulff schien ausnahmsweise das zu gelingen, was ihm sonst in seiner Amtszeit verwehrt blieb: Da stand ein Mann im Schloss Bellevue, der mit den Tricks der hohen Staatskunst zu operieren wusste. Es blieb ein ‚Lichtblick‘, der zu spät kam. Karl-Theodor zu Guttenberg sprach vor einem Jahr von einem „bestellten Haus“, das er hinterlasse. Wulff unternahm nun gestern den Versuch sich als „Integrations-Bundespräsident“ in die Geschichtsbücher einzuschreiben. Unterschwellig sagte er damit auch: ‚Obwohl ich nur anderthalb Jahre im Amt war, habe ich dieses Land gestaltet und entscheidend geprägt sowie an einer Lebenslüge der Bundesrepublik gerüttelt.‘

Als er wenige Monate nach Amtsantritt zum Tag der Einheit in seiner Rede den Islam in die gesellschaftliche Gegenwart und vor allem in das kulturelle Gedächtnis Deutschlands einbezog, schien ihm die „Karenzzeit“, die er sich vorbehalten lassen wissen wollte, gut bekommen zu sein. Danach blieb es ruhig um ihn – bis zur Vorweihnachtszeit 2011. Nun ist es nicht so, dass von anderen Bundespräsidenten mehr Fortwirkendes hinterlassen wurde. Doch Wulff wird wahrlich nicht als Mann des Wortes in Erinnerung bleiben. Seltsam hölzern klangen allein schon zahlreiche Sätze, die er seit Beginn der Affäre aussprach. So sein Satz im Fernsehinterview Anfang Januar, der das Menschenrecht auch für Bundespräsidenten einforderte und sein ‚Schwur‘ auf die Pressefreiheit, so aber auch die ‚Liebeserklärung‘ an seine Frau, in der er sie als „überzeugende Repräsentantin eines menschlichen und modernen Deutschlands“ bezeichnete. Der Dank an die Familie, und gerne auch im Speziellen an die Frau, ist normal, wenn es gilt, für die geleistete Unterstützung zu danken – gerade bei unfreiwilligen Rückzügen von politischen Ämtern. Es drängt sich jedoch der Verdacht auf, dass Wulff immer mehr Wert auf den Schein und den Effekt legte. Für ihn schien es schon eine ausreichende Qualifikation seiner Person für das Amt, eine schwierige Kindheit gehabt zu haben und als Katholik in zweiter Ehe verheiratet zu sein. Die daraus entstandene, gerne als Patchwork beschriebene, Konstellation im eher biederen Bellevue wollte Wulff als Abbild der Gesellschaft verstanden wissen. Das war alles schön und gut und man nahm ihm durchaus ab, dass er „gerne“ Bundespräsident geworden sei. Nur: In den letzten Wochen konnte Wulff nur noch darüber reden, wie er das höchste Amt im Staat auszufüllen gedenke. Auf Dauer war das aber zu wenig und der Slogan, dass sein Amtssitz eine „Denkfabrik“ sei, blieb bis zuletzt eine hohle Phrase. Zu guter Letzt lieferte Wulff seinen wenigen Verteidigern in der Öffentlichkeit noch eine Interpretation, wie seine Affäre zu werten sei – jetzt und für die Zukunft. Wenig überraschend kam deshalb die Medienschelte daher, die die Berichterstattung als „verletzend“ kritisierte. Hätte Wulff das ernst gemeint, was er verklausuliert formulierte, dann wären klare Worte der Reue eher angebracht gewesen.

Welche Schlüsse kann man aus den vergangenen Monaten ziehen?

Erstens: Mit einigem Abstand zu den vergangenen Wochen und Monaten wird Christian Wulff, Bundespräsident a. D., eine Erfahrung machen, die schmerzlich ist: Es wird sich zeigen, wer seine wahren Freunde sind. Vermutlich wird es ein quälender Prozess für einen Mann sein, der für wirtschaftlich potente Männer und ihr glamouröses Umfeld schnell freundschaftliche Gefühle hegte. Die Tragik daran ist, dass „seine Freunde“ mit ihm ganz Anderes im Schilde führten. Einen ersten Vorgeschmack darauf, wie sich das anfühlt, hat Wulff schon machen müssen: Entgegen seiner Annahme hat ihm die BILD schon lange vor dem Telefonat mit dem Chefredakteur Diekmann die Freundschaft gekündigt. Dass Wulff an solche "Freundschaften" glaubte, ist leider anzunehmen. Zweitens: Die Aufnahme von Ermittlungen gegen den Bundespräsidenten ist nicht das Ergebnis einer „Kampagne der Medien“ gegen Wulff, sondern ein Beweis für die Stärke unserer Demokratie. Dass ermittelt wird, ist den Recherchen der Medienvertreter, die in dieser Angelegenheit als Katalysator und auch selbstreinigend gewirkt haben, zu verdanken. Drittens: Egal wie Joachim Gauck, Bundespräsident im Wartestand, das Amt des Bundespräsidenten ausfüllen wird, so wird sich bald zeigen, dass nicht das höchste Amt im Staate defizitär ist, sondern Christian Wulff ein Mann mit zu vielen persönlichen Defiziten war.

Marcus Schlegelmilch, Jusos Halle

 

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