Kennenlernen in Halle – Über das Leben von Rosemarie Reichwein

Veröffentlicht am 29.11.2009 in Vermischtes

Das Leben und das Schicksal Adolf Reichweins (hingerichtet am 20. Oktober 1944) sind bekannt. Über das Wirken und ungleich längere Leben seiner Ehefrau Rosemarie Reichwein (geb. Pallat) weiß man weitaus weniger. Auch mir erging es so. Erst als ich vor drei Jahren einen Rundgang auf dem Alten Friedhof in Wannsee machte, entdeckte ich das Grab von Rosemarie Reichwein. Der Beginn einer Suche mit der Frage: Wer war Rosemarie Reichwein?

von Marcus Schlegelmilch, Student der Geschichtswissenschaft

Ausgerechnet am 30. Januar 1933, dem Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, verlobten sich Rosemarie Pallat und Adolf Reichwein, um wenige Wochen später ihre gemeinsame Hochzeit in Berlin-Wannsee zu begehen.

Kennengelernt hatten sich der um fast sechs Jahre ältere Adolf und seine Rosemarie 1932 in Halle (Saale). Sie, die ausgebildete Gymnastiklehrerin, die ihre Ausbildung zum Großteil in Schweden absolvierte, bildete an der pädagogischen Akademie in Halle die Studentinnen im Turnen und im Sport aus. Er war seit 1930 Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an der neu gegründeten pädagogischen Akademie der Saalestadt. 1933, nach der Entlassung Reichweins aus dem Dienst der Universität, zog die Familie zwangsweise in die Provinz – nach Tiefensee (Brandenburg). Dort hielt der vormalige Professor die Familie durch seine Arbeit als Volksschullehrer über Wasser. Die Gefangennahme Adolf Reichweins im Juli 1944 infolge seiner Mitgliedschaft im ‚Kreisauer Kreis’ und die Vollstreckung der Todesstrafe veränderte das Leben seiner Ehefrau Rosemarie und ihrer vier gemeinsamen Kinder abrupt und nachhaltig. In einem seiner letzten Briefe schrieb Reichwein an seine Frau: „Ich weiß, Du machst es gut.“

Nach Kriegsende verließ die Familie das Gut der von Moltkes in Kreisau, das ihnen als Zuflucht in den letzten beiden Kriegsjahren diente, und kehrte nach Berlin zurück. Angekommen in ihrer Geburtsstadt knüpfte Rosemarie Reichwein an ihr berufliches Wirken vor 1933 an: 1950 eröffnete sie in Wannsee ihre eigene Praxis für Krankengymnastik. Von nun an galt ihr verstärktes Engagement der Behandlung von spastisch Erkrankten. Rosemarie Reichwein war eine der Mitbegründerinnen des ersten ‚Spastiker-Elternvereins’ (1958) und des Spastikerzentrums in Berlin (1965). Ihr Einsatz - auch auf dem Feld neuester Behandlungsmethoden - wurde 1974 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Erst im Alter von 83 Jahren löste sie ihre Praxis auf. Noch einmal - im Jahr 2000 - bewies sie Courage: Den hessischen Verdienstorden lehnte sie mit dem Hinweis auf die Verstrickung des amtierenden Ministerpräsidenten Koch in die Spendenaffäre ab.

Jahrzehnte nach dem Tod ihres Mannes blickte Rosemarie Reichwein noch immer in großer Demut auf sein Wirken zurück: „Die Jahre mit Adolf Reichwein prägten mein Leben“ – so der Titel ihrer 1999 erschienenen Autobiographie. Sie starb am 05. August 2002 kurz nach ihrem 98. Geburtstag in Berlin-Wannsee.

 

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